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Was ist ein Arbeitszeugnis? Definition & Praxistipps 2026

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Jonathan Glasow Autor
2 Min. Lesezeit
Was ist ein Arbeitszeugnis? Definition & Praxistipps 2026

Das Arbeitszeugnis ist im Schweizer Arbeitsrecht eine schriftliche Urkunde, die der Arbeitgeber für den Arbeitnehmer bei der Beendigung des Arbeitsverhältnisses ausstellen muss. Es gibt detailliert Auskunft über Art und Dauer der Beschäftigung sowie über die Leistungen und das Verhalten des Mitarbeitenden. Für Arbeitnehmende ist es das zentrale Bewerbungsdokument bei der Stellensuche.

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Arbeitszeugnis einfach erklärt

Im HR-Alltag ist die Zeugniserstellung eine wiederkehrende und heikle Aufgabe. Studien zeigen, dass in der Schweiz bei über 40 % der qualifizierten Bewerbungen das Zwischen- oder Schlusszeugnis den finalen Ausschlag gibt — selbst nach einer Elternzeit. Das Obligationenrecht (OR) legt für die Formulierung eines Arbeitszeugnisses fest, dass das Dokument wahrheitsgetreu, vollständig und wohlwollend formuliert sein muss.

Der Aufbau folgt in der Schweiz strengen Konventionen. Es beginnt mit den Personalien, gefolgt von einer detaillierten Auflistung der Pflichten. Danach folgen die Kernstücke: die Beurteilung der Leistung (Fachwissen) und des Verhaltens (gegenüber Vorgesetzten und Kunden). Den Abschluss bildet der Beendigungsgrund (z. B. Aufhebungsvertrag oder Kündigung) und die Schlussformel.

Man unterscheidet in der Schweiz zwischen dem Vollzeugnis oder Schlusszeugnis (umfassende Beurteilung von Leistung und Verhalten), der Arbeitsbestätigung (beschränkt sich auf Fakten) und dem Zwischenzeugnis (während der laufenden Anstellung, z.B. bei Chefwechsel).

Arbeitszeugnis vs. Referenzauskunft: Ein Arbeitszeugnis ist ein rechtsverbindliches Dokument, auf das ein gesetzlicher Anspruch besteht. Eine Referenzauskunft erfolgt mündlich durch den ehemaligen Vorgesetzten gegenüber einem potenziellen Arbeitgeber, bedarf aber zwingend der vorherigen Einwilligung des Bewerbers.

Vorteile und Nachteile von Arbeitszeugnissen

✅ Vorteile❌ Nachteile
Kandidatenauswahl: Sie bieten Schweizer KMU beim Rekrutieren einen Abgleich der fachlichen Fähigkeiten.Hoher Aufwand: Die korrekte Formulierung kostet Vorgesetzte und HR erheblich viel Arbeitszeit.
Motivation: Die Aussicht auf ein gutes Zeugnis bewegt Mitarbeitende dazu, volle Leistung zu erbringen.Zeugnissprache: Die stark verklausulierte Sprache («Codes») führt oft zu Fehlinterpretationen.
Beweissicherung: Ein Zwischenzeugnis schützt vor dem Verlust von Leistungsnachweisen.Konfliktpotenzial: Differenzen über Formulierungen enden oft vor der Schlichtungsbehörde.

Arbeitszeugnis in der Praxis: Tipps für Unternehmen

  1. Uncodierte, klare Sprache verwenden
    Das Schweizerische Bundesgericht hat sogenannte Zeugniscodes (versteckte, negative Botschaften) wiederholt für unzulässig erklärt. Formuliere klar, transparent und offen. Wenn Defizite bestehen, formuliere diese sachlich, anstatt auf zweideutige Floskeln zurückzugreifen. Dies senkt zudem das Risiko von zeitraubenden Nachbesserungsforderungen um bis zu 60 %.

  2. Pflichtenhefte aktuell halten
    Die häufigsten Fehler passieren bei der Aufgabenbeschreibung. Stelle sicher, dass die im Zeugnis aufgeführten Tätigkeiten dem tatsächlichen Alltag entsprechen und nicht bloss vom alten Stelleninserat kopiert wurden. Lasse den Entwurf durch die Führungskraft gegenlesen.

  3. Schnelle Ausstellung garantieren
    Gemäss OR entsteht der Anspruch am letzten Arbeitstag. Werde als HR proaktiv und händige das Vollzeugnis spätestens in der Austrittswoche aus. Verzögerungen blockieren den Mitarbeitenden bei der RAV-Anmeldung, was das Employer Branding deines Unternehmens schädigt.

Warum ist ein Arbeitszeugnis für Unternehmen wichtig?

Trotz Digitalisierung bleibt das Arbeitszeugnis in der Schweiz das wichtigste formelle Auswahlinstrument. Es dokumentiert nicht nur Fachkompetenzen, sondern gibt Auskunft über Teamfähigkeit und Führungsverhalten — Aspekte, die für den kulturellen Fit in Schweizer KMU entscheidend sind. Das SECO betont regelmässig die Wichtigkeit transparenter Referenzdokumente für einen reibungslosen Arbeitsmarkt, bei dem jährlich über 50.000 Arbeitszeugnisse ausgestellt werden.

Für dich als Arbeitgeber birgt das Dokument ein Haftungsrisiko. Stellst du ein extrem positives Gefälligkeitszeugnis aus («Weglobung»), und der Mitarbeitende richtet beim neuen Arbeitgeber aufgrund mangelnder Fähigkeiten einen Schaden an, kann der neue Arbeitgeber dich im Extremfall auf Schadenersatz verklagen.

Häufig gestellte Fragen zum Arbeitszeugnis

Wann verjährt der Anspruch auf ein Arbeitszeugnis in der Schweiz?

Gemäss Obligationenrecht (OR) verjährt der arbeitsrechtliche Anspruch auf die Ausstellung oder Berichtigung eines Arbeitszeugnisses erst nach 10 Jahren ab dem Ende des Arbeitsverhältnisses.

Dürfen Krankheiten im Schweizer Arbeitszeugnis erwähnt werden?

Grundsätzlich nein, da dies das berufliche Fortkommen behindert. Eine Ausnahme gilt nur, wenn die Absenzen erheblich waren (z.B. ein halbes Jahr bei einer einjährigen Anstellung) und die Krankheit den eigentlichen Kündigungsgrund darstellt. Das Bundesgericht hat in mehreren Urteilen bestätigt, dass die Persönlichkeitsrechte des Arbeitnehmenden in diesem Bereich besonders geschützt sind.

Was bedeutet «zur Zufriedenheit» im Arbeitszeugnis?

In der Schweizer Zeugnissprache ist die Formulierung «stets zu unserer vollsten Zufriedenheit» die Bestnote (sehr gut). Fehlt das Wort «stets» oder «vollsten», deutet dies auf eine eher durchschnittliche Leistung (befriedigend) hin. HR-Fachleute sollten die Abstufungen genau kennen, um weder ungewollt zu gut noch zu schlecht zu bewerten.

Was ist der Unterschied zwischen Vollzeugnis und Arbeitsbestätigung?

Das Vollzeugnis enthält neben den Fakten eine umfassende Bewertung von Leistung und Verhalten und ist das Standarddokument bei Austritt. Die Arbeitsbestätigung beschränkt sich auf Art und Dauer der Beschäftigung ohne jede Wertung. Arbeitnehmende können gemäss OR jederzeit wählen, welche Variante sie wünschen.

Kann ein Arbeitnehmer sein Arbeitszeugnis in der Schweiz anfechten?

Ja, der Arbeitnehmende kann eine Berichtigung verlangen, wenn die Bewertung nachweislich falsch oder unvollständig ist. Führt das Gespräch zu keiner Einigung, kann der Fall vor die Schlichtungsbehörde oder das Arbeitsgericht gebracht werden. Der Anspruch auf ein korrektes Zeugnis verjährt erst nach 10 Jahren.

Wie wirkt sich eine Freistellung auf das Arbeitszeugnis aus?

Eine Freistellung darf im Zeugnis grundsätzlich nicht negativ erwähnt werden, da sie in der Schweiz häufig bei einvernehmlichen Trennungen vorkommt. Wichtig ist, dass die Leistungsbeurteilung den gesamten Beschäftigungszeitraum bis zum Freistellungsbeginn abdeckt und keine Lücke entsteht.

Darf ein Zwischenzeugnis vom Schlusszeugnis abweichen?

Grundsätzlich ja, allerdings nur bei nachweisbar veränderter Leistung seit dem Zwischenzeugnis. Weicht das Schlusszeugnis ohne sachlichen Grund erheblich ab, kann der Arbeitnehmende auf die Bindungswirkung des Zwischenzeugnisses verweisen und beim Arbeitsgericht eine Anpassung durchsetzen.

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Wer Arbeitszeugnisse im Kontext des HR-Managements professionalisieren möchte, findet im Ratgeber zu HR-Management praxisnahe Ansätze. Für die Auswahl externer Partner bei der Arbeitnehmerüberlassung hilft der Vergleich der besten Anbieter in der Schweiz bei der Entscheidung.


Quellen: Schweizerisches Obligationenrecht (OR), Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO), Bundesgerichtsentscheide (BGE). Dieser Artikel wurde von der Glow Careers Redaktion verfasst und geprüft.

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